Daran sollt ihr sie erkennen
Die Koinonia und der Wert der Freundschaft

Jesus galt vielen als "Freund der Zöllner und Sünder". Dem religiösen Establishment seiner Zeit war er geradezu verhasst, sahen sie in ihm doch den Spießgesellen der Mitläufer, Underdogs und Habenichtse. Mitmenschlichkeit galt den Herren nicht viel, und Freundschaft auch nicht. Dünkel und vermeintliche Sittenstrenge waren ihnen wichtiger. Jesus hingegen predigte wirklich keine laxe Moral, aber Liebe war ihm das Wichtigste, und das äusserte sich gerade auch in seiner Freundschaft zu den Jüngern: "Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde."

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Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete." So steht es im Johannesevangelium. Freundschaft in diesem Sinne gibt und opfert, fordert aber auch. Nicht durch strenge Pflichterfüllung, sondern gegenseitige Liebe und Freundschaft sollten die Jünger als Nachfolger Christi und damit Freunde Jesu erkennbar sein.

Freundschaft ist eben nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen. Ohne Gegenseitigkeit ist sie schlichtweg nicht vorstellbar: "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete." Nur was wir bekommen, können wir auch weitergeben. Selbstlosigkeit ist eine Tugend. Freundschaft aber eine Beziehung. Selbstlosigkeit gibt keine Geborgenheit. Wer aber den Rückhalt guter Freunde hat, dem fällt selbstloses Handeln leicht.

In Jesus Christus begegnet uns Gott selber. "Vater und Sohn und Heiliger Geist haben nur eine Gottheit", heisst es im Athanasischen Glaubensbekenntnis. Das Johannesevangelium zeigt uns, dass Freundschaft die Beziehung zu Gott ausmachen sollte. Als Freunde Gottes dürfen und sollen wir ihn um alles bitten, ohne Scheu. Umgekehrt aber ist es auch an uns, ihn da zu unterstützen und ihm die Treue zu halten, wo er uns darum bittet und braucht. Treue ist in einer Freundschaft unabdingbar, denn die grösste Sünde in und an der Freundschaft ist der Verrat. Nicht umsonst reserviert auch Dante den innersten Kreis der Hölle für die Erzverräter Judas, Brutus und Cassius. Jesus - soviel ist klar - verrät seine Freunde niemals; koste es, was es wolle, selbst das Leben.

Der heilige Anselm beschrieb die Freundschaft als einen Vorgeschmack auf den Himmel. Und tatsächlich: Freundschaft kennt kein Herrschaftsdenken und keine Unterwerfung, keine einseitigen Abhängigkeiten und keine Standesunterschiede. Diese gehören zwar zur Normalität der Welt, aber unter Freunden haben sie keinen Platz. Erst recht nicht unter den Freunden Jesu, denn die sind dazu aufgerufen, die Welt zu überwinden.

Indem Jesus uns seine Freunde nennt, macht er uns zugleich deutlich, daß ein auf Gegenseitigkeit beruhendes, persönliches Verhältnis, nicht nur die fundamentale Norm seiner Beziehungen zu jedem von uns ist, sondern auch die Grundlage aller zwischenmenschlicher Beziehungen sein sollte - die Agape ist hier angesprochen.
Leider ist uns das heute vielfach nicht mehr klar, denn allen voran protestantische Theologen haben in das Prinzip der Agape postaufklärerische Ideen hineininterpretiert und den Grundsatz so der christlichen Tradition und damit dem kirchlichen Leben entfremdet. Agape ist kein persönliches Zurückstecken und Mitwirken aus Nützlichkeitserwägungen heraus. Sie ist kein Interessensausgleich im Sinne des kategorischen Imperativs von Kant: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde." Agape ist kein Abwägen und nicht an die Bedingungen praktischer Vernunft geknüpft, sondern sie ist echte Freundschaft, die die Persönlichkeit des Anderen anerkennt und fördert, seine Talente zur Entfaltung bringt, seine Bedürnisse erahnt und ihn begleitet und unterstützt. Agape gehört in die Koinonia der Kirche: "Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. "Gegenseitige Hilfe und Unterstützung ist Ausweis aller kirchlichen Gemeinschaft. Wo die Agape fehlt, lebt die Kirche an ihrem Auftrag vorbei. Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass er liebt, indem er Freundschaft schliesst. Diese Verhalten soll uns Vorbild sein und die Idee der Freundschaft Grundlage allen christlichen Nachdenkens über unsere persönlichen Beziehungen zueinander.

Die Kirche, deren Theologie immer wieder mehr der jeweils zeitgenössischer Philosophie als dem Evangelium verpflichtet gewesen ist, trägt leider eine große Mitschuld an der heute oft geringen Wertschätzung der Freundschaft. In der kirchlichen Praxis ist der Begriff fast vollständig dem Ausdruck Bruderschaft gewichen. Unter letzterem versteht man dann, ganz in der Tradition neuzeitlichen Denkens, eine Art Zweckgemeinschaft, nämlich den Zusammenschluß von Geistlichen und Laien, die gemeinsame Interessen verfolgen. Freundschaft dagegen begreift man als rein persönliches Verhältnis, basierend allein auf Sympathie und spontaner Zuneigung. Die Unterscheidung von zielorientierter und privater Gemeinschaft ist jedoch nicht nur dem Johannesevangelium völlig fremd. Die communio sanctorum lebt von ganzheitlichen Verbindungen ihrer Mitglieder zueinander. Sie ist nicht irgendein Verein, sondern Teil der werdenden Neuschöpfung. Die Kirche muß daher in besonderem Maße dazu beitragen, daß der Schatz der Freundschaft wiederentdeckt wird, denn nicht alle von uns sind dazu berufen, Ehemänner Väter, Brüder oder Ehefrauen, Mütter und Schwestern zu werden. Gute Freunde aber können wir - und sollten wir als Christen untereinander - alle sein.

Der Kirchenvater Augustinus schrieb, dass man nur dank der Freundschaft jemanden wahrhaft erkennen könne. Ihm galt die Freundschaft als Schule, die einen für das neue Leben im Reich Gottes befähigt. Nicht die Fortsetzung alter Wege, sondern eine völlige Umkehr, ein radikaler Bruch und ein kompletter Neuanfang stehen am Anfang jenes neuen Lebens, daß uns Jesus ermöglicht und vorlebt: Tiefe Verbundenheit, Selbstlosigkeit und Hingabe, Opferbereitschaft bis hin zur Selbstaufgabe ("...dass er sein Leben lässt für seine Freunde") und Gegenseitigkeit statt Abhängigkeit sind die Merkmale der Freundschaft Christi. Es liegt auch an uns, ob diese Merkmale bald für alle Welt wieder erlebbare Kennzeichen der Gemeinschaft der Heiligen
werden. An unserer Liebe und an unserer Glaubenstreue ("...wenn ihr tut, was ich euch gebiete").

© 2009 Rainer Beel +++ Feedback? Email